Der Mythos des Full-Stack Product Engineers
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Der “Full-Stack Product Engineer” ist gerade das große Ding. Eine Person macht alles: Kundenbedürfnisse verstehen, entwickeln, deployen, warten. Das Versprechen: schnellere Zyklen, bessere Kommunikation, mehr Ownership. Startups arbeiten oft so - aus der Not heraus. Tesla wird als Erfolgsbeispiel genannt.

Aber ist das die Zukunft oder eine gefährliche Vereinfachung?

Die Debatte ist besonders heiß in der Automobilindustrie. Dort gibt es traditionell spezialisierte Rollen: Anforderungsingenieure, Systemingenieure, Testingenieure. Diese Strukturen werden jetzt als langsam und ineffizient kritisiert.

Das Argument für Full-Stack: Spezialisierte Rollen schaffen Engpässe. Anforderungsingenieure schreiben Specs im Vakuum. Systemingenieure entwerfen Modelle, die von der Realität entkoppelt sind. Testingenieure validieren Code, den sie nie entstehen sahen. Das führt zu Missverständnissen und Verzögerungen.

Aber die Kritiker haben auch Punkte. Requirements Engineering ist ein Spezialgebiet. Kann eine Person wirklich alles beherrschen? “Wenn du in allem gut bist, bist du in nichts Experte.” Das Burnout-Risiko ist real.

Und was ist mit Safety und Security? Besonders in der Automobilindustrie. Kann ein Full-Stack-Ingenieur das nebenbei mitbehandeln? Unabhängiges Testen - eine kritische Schutzmaßnahme - könnte leiden.

Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht die Spezialisierung, sondern die Silos. Kommunikation ist der Schlüssel. Reviews, Feedback-Loops, gemeinsames Verständnis. Das geht auch mit spezialisierten Rollen.

KI verändert die Landschaft zusätzlich. Sie kann beim Codieren, Testen, sogar bei Requirements helfen. Das könnte zu einem hybriden Modell führen: Ingenieure, die KI nutzen, um vielseitiger zu werden - ohne klassische Full-Stacker zu sein.

Mein Take: Spezialisierte Rollen einfach abschaffen ist nicht die Lösung. Stattdessen:

  • Silos aufbrechen: Kommunikation zwischen Disziplinen fördern
  • Automatisierung nutzen: KI für repetitive Aufgaben einsetzen
  • Ownership belohnen: End-to-End-Verantwortung incentivieren
  • Flachere Strukturen: Funktionsübergreifende Teams bilden
  • Kommunikation stärken: Alle auf gleiche Ziele ausrichten

Die Zukunft liegt nicht im Abschaffen von Spezialisierung, sondern in ihrer Evolution. Integrierter, kollaborativer, effizienter. Die richtige Balance zwischen Spezialisierung und Vielseitigkeit. Die Diskussion ist wichtig - nicht weil sie eine endgültige Antwort liefert, sondern weil sie uns zwingt, den Status quo zu hinterfragen.